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Hans Schuhmacher Voelkische 4
28.04.2017, 09:55

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Völkische Ideologie - Teil 4: Die Mystifizierung, verkleidet als Rationalität

"Natur", wie sie heute im christlich-abendländischen Kulturkreis wahrgenommen wird, wurde im 19. Jahrhundert erfunden und definiert. Sie ist nicht nur ein wesentlicher Bestandteil des Rassismus, sondern des zeitgenössischen christlich-abendländischen Denkens überhaupt. Wir haben gesehen, welche Rolle die "Natur" in der völkischen Ideologie spielt, nämlich die einer Determinierungs- und Konditionierungsmaschine. Unerfreulich für die Völkischen ist lediglich, dass es diese "Natur" vor dem Ende des 18. Jahrhunderts nicht gab und heutzutage ihre Existenz von sehr berufener Seite in Abrede gestellt wird.

Gleichwohl erscheint ein Appell an die "Natur" als rational, denn im zeitgenössischen christlich-abendländischen Denken existiert sie durchaus, sogar "objektiv". Der Trick der Völkischen besteht darin, sich das zunutze zu machen - sofern sie an die "Natur" des 19. Jahrhunderts nicht selbst glauben. In diesem Fall stehen wir seitens dieses Projekts wieder einmal vor der Frage, wer der Betrogene und wer der Betrüger ist, genauso wie bei den Fürsten der Heidenszene, bei denen wir wohl nie werden herausfinden können, an welche Teile ihres großartigen "Wissens" sie selbst glaubten und glauben, und was sie lediglich ihren Anhängern erzählen.

Durch die Darstellung der "Natur" als Determinierungsmaschine seitens der Völkischen entsteht in der öffentlichen Diskussion womöglich eine Auseinandersetzung, die am eigentlichen Kern vorbeiführt. Allgemein glaubt man in der christlich-abendländischen Kultur ja ebenfalls an die "Natur", weist ihr aber eine völlig andere Rolle zu. "Natur" ist primär Ressource, unterwerfbar und unterworfen, "objektiv" erforschbar und erforscht - den Bereich des menschlichen Verhaltens, individuell und kollektiv, weist man nicht aber primär ihr zu, sondern anderen Phantomen wie dem "Fortschritt", der "Zivilisation" oder dergleichen mehr. Letztlich äußerte ein Populärwissenschaftler in einer Fernsehsendung sogar anlässlich eines Beitrags über Pheromone, man sei diesen nicht ausgeliefert, denn man könne sein Verhalten ja "mit dem Gehirn steuern". Auf dergleichen muß man gefasst sein, ebenso darauf, dass ein öffentlicher Streit zwischen den Völkischen und - beispielsweise - politischen Linken über die Rolle der "Natur" entbrennt, an welche jene mehrheitlich ebenfalls glauben. Ein solcher Streit ist sinnlos und führt zu nichts, denn die im 19. Jahrhundert erfundene Natur gibt es nicht.

Auch liegt die Macht zu determinieren und zu steuern selbst im Rahmen der völkischen Ideologie nur scheinbar bei der "Natur". Vordergründig wird eine mächtige, durchaus mit Determinierungsmacht ausgestattete Natur präsentiert - ich habe den Begriff "Determinierungsmaschine" aber sehr bewusst gewählt. Sie bringt nämlich auf mechanische Weise monistische und quasi monolithische "Völker" hervor, deren Angehörige mechanisch von ihrer Genetik gesteuert werden. Sie ist, ebenso wie die "Natur" des 19. Jahrhunderts, von der sie nur eine Variante darstellt, eine biologische Maschine. Die völkischen Ideologen maßen sich an, diese "Natur" entschlüsselt zu haben und interpretieren zu können - genau wie die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts. Mächtig ist in diesem Modell nicht die "Natur" - denn diese kann nur mechanisch ihr Programm abspulen - mächtig ist der völkische Ideologe, der sie "versteht".

Hören wir zur Erfindung der Natur und einigen ihrer Folgen die Sozialforscherin Barbara Duden: "Seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts entsteht "Natur" als eine Ordnungskategorie des Denkens, die neuartig der "Kultur" gegenübergestellt wird, die also das "ganz andere" verkörpert, dessen Gesetze man erforschen kann. Diese Dichotomie des Denkens in entgegengesetzten Kategorien von Natur und Kultur ist durchwebt mit geschlechtlichen Bezügen und Metaphern, in denen die Frau mit der Natur gleichgesetzt wird. Frau wird zum Symbol einer Natur, die entdeckt, entschlüsselt, vom Licht der Vernunft durchleuchtet werden kann. Natürlich (sic (Bemerkung der Autorin, H.S.)) hat die Nähe von Frau zur Natur in der kulturellen Vorstellungswelt des Westens eine jahrtausendealte Tradition, deren Facetten Merchant untersucht hat. Auch ist die Tradition der "Naturalisierung" an sich nicht neu, denn politische Positionen, soziale Ordnungen sind durch Naturmetaphorik bezeichnet worden. Die "wissenschaftliche Revolution" produzierte indes einen neuen Begriff. Eine Natur, die passiv, unterwerfbar, an sich unbelebt und gehorsam ist, wenn ihre physikalischen Gesetze erforscht sind. Eslea untersuchte diese Entstehung dieses Naturbegriffes, der konzeptuell einen Bruch mit der Tradition darstellt, insofern ihre nun monistische Natur an sich keine Intention, keine Finalität mehr besitzt. Sie liegt offen dar der Aneignung und Nutzbarmachung. Erst so wird die Immanenz von "natürlicher" und "sozialer" Welt zu einem Gegensatz, der eine Hierarchie und ein Herrschaftsverhältnis darstellt. Der Begriff dieser "Natur" im Gegensatz zu "Kultur", dem der Körper, insbesondere der Körper von Frauen, Kindern und "Wilden" zugeschlagen wird, und der dann im sozialwissenschaftlichen Denken des 19. Jahrhunderts zentral ist, wirft nun sein unentrinnbares Raster über alles, was mit ihm erfasst wird. Wissenschaft und Medizin benutzen seit der Aufklärung die Natur, mit der sie sich befassen und zu der das Leibesinnere gehört, "Reproduktion", "Sexualität" usw., um vermittelt die unabänderliche Setzung des so Begriffenen zu implizieren. Das Mittel dieser Übertragung sind die Sprachformen, in denen naturalistisch über physiologische, mentale und soziale Aspekte von Menschen etwas ausgesagt wird. Die Begriffe selbst stellen eine ununterbrochene Verbindung her, eine Beziehung zwischen Aussagen über das so begriffene Leibesinnere und sozialer Zuschreibung... So ist die Kategorie "Frau" ein Produkt der Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts und vergleichbar mit anderen Kategorien mit naturalistischem Schein, z.B. "Familie", "Reproduktion", "Verwandtschaft" und "Sexualität". Es ist eine der großen Leistungen der Frauenstudien, die ideologischen Implikationen dieses Denkkonstruktes aufgedeckt und kritisiert zu haben...."

Es wird deutlich, dass man sich von dieser "Natur" dringend verabschieden sollte. Sie dient dazu, wie Barbara Duden ausgeführt hat, alles ihr Zugewiesene (also als "natürlich" Eingeordnete) zu verabsolutieren - es sei "objektiv" vorhanden, immer schon so gewesen, für alle Ewigkeit so beschaffen, nicht historisch bedingt, nicht kulturell bedingt. Also ist es - ob es nun die "Sexualität" ist oder ob es die "Völker" der völkischen Ideologie sind - nicht veränderbar, es ist nicht Ergebnis eines Veränderungsprozesses - es sei denn eines Veränderungsprozesses, der ebenfalls ein solches "Naturobjekt" ist wie zum Beispiel die "genetische Entwicklung". Seine Eigenschaften sind "objektiv" bestimmbar, die Diskussion über das "Naturobjekt" ist lediglich Überprüfung seiner "objektiv" feststehenden und zeitlosen Eigenschaften. Michel Foucault hat dies sehr eindrucksvoll am Beispiel der "Sexualität" gezeigt: ausgehend von der zeitgenössischen Kritik an der Unterdrückung der "Sexualität", wies er nach, wie eine solche Kritik den Kern der Sache verfehlt, nämlich die Tatsache, dass die "Sexualität" eine Erfindung des 19. Jahrhunderts mit klar umrissenen gesellschaftlichen Zielsetzungen ist. Sein Werk "Der Wille zum Wissen" beleuchtet, wie derartige Erfindungsprozesse verlaufen, von wem sie ausgehen, welche Ziele sie verfolgen und welche Auswirkungen sie haben - eine Erörterung, die uns in diesem Zusammenhang definitiv zu weit führt.

Das mechanistische Wesen der völkischen "Natur" erklärt sich freilich dadurch, dass ihr Prototyp, die "Natur" des 19. Jahrhunderts, die selben mechanistischen Züge aufweist. Alles Nichtmechanistische wurde nämlich im 19. Jahrhundert dem Bereich der "Kultur" zugewiesen, also denjenigen Teilen der menschlichen Existenz, die nicht unter das Raster der "Natur" fallen. Wenn jetzt die Völkischen die "Völker" von dieser "Natur" determiniert sehen, ergibt sich zwangsläufig deren mechanistischer Charakter. Ein von seiner "Genetik" gesteuerter Mensch ist ein biologischer Roboter. Ideal ist, wenn alle biologischen Roboter ihrem Programm folgen - Fehler und mithin Missstände entstehen, wenn Einzelne "Defekte" aufweisen und von ihrem Programm abweichen. Diese Fehler und Missstände können sich multiplizieren und nur behoben werden, wenn alle biologischen Roboter das von Anbeginn an und für die Ewigkeit festgeschriebene Programm wieder befolgen. Anscheinend ist "natürliche Religion" das script, der Code dieses Programms. "Der Mensch ist nicht so frei, wie es den Anschein haben kann", sagen Björn Ulbrich und Holger Gerwin. Der Anschein der Freiheit ist bereits ein Programmfehler.

Vor allem aber ist hier bezüglich der völkischen Ideologie herauszuheben, dass ein derartiger Naturbegriff keinesfalls mit irgend einer alten europäischen Kultur (oder irgend einer anderen Kultur außer der christlich-abendländischen seit dem 19. Jahrhundert) in Verbindung gebracht werden kann - weder die von Barbara Duden umrissene "Natur" noch ihre völkische Variante. In der Praxis erlebt man aber, dass besonders in der Heidenszene, wo man sich angeblich mit alten europäischen Kulturen befasst, sogar mehr noch als in der Gesamtgesellschaft, sämtliche Konstrukte des 19. Jahrhunderts fröhliche Urständ feiern, nicht zuletzt der Rassismus. Als lebendes Museum des 19. Jahrhunderts wäre die Heidenszene ein großartiges Projekt, auf das man stolz sein könnte - aber wer will oder braucht ein lebendes Museum des 19. Jahrhunderts? Teil 5: Perspektiven << Teil 3: Der Diskurs, der den Rassismus hervorbringt | Liste Nach Autoren | Teil 5: Perspektiven >>

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