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Martin Marheinecke Hexen Symposium 2003
28.04.2017, 09:55

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Hexen im Museum - Hexen heute - Hexen weltweit

Hexen-Symposium am Völkerkundemuseum Hamburg - 31.10. - 2.11.2003

Das Hexen-Symposium war eine in mehrfacher Hinsicht außergewöhnliche Veranstaltung. Ungewöhnlich war, dass sich die Veranstaltung nicht nur an Fachleute, sondern auch an "interessierte Laien" richtete, ungewöhnlich sicher auch, dass neben Wissenschaftlern auch Ritualfrauen bzw. Hexen als Referenten teilnahmen, ungewöhnlich auch der Anlass.

Der Anlass: Eine überaus erfolgreiche "Skandalausstellung":

Vom Mai 2001 bis zum April 2002 fand im Völkerkundemuseum Hamburg die große Ausstellung "Hexenwelten" statt. Sie widmete sich der historischen Hexenverfolgung, den Hexen im Volkglauben und in den Massenmedien, wie auch den "neuen Hexen" und schlug außerdem eine Brücke zu den magischen und schamanischen Religionen in aller Welt.

Am 11. Februar 2002 erschien im "Hamburger Abendblatt" , einer auflagenstarken Regionalzeitung. ein längerer Artikel mit dem Titel "Fauler Zauber im Museum" über die bereits seit über neun Monate laufende Ausstellung. Der Verfasser des Artikels, Per Hinrichs, stützte sich auf die Angaben eines namentlich nicht genannten Mitarbeiters der Museums, der sich besorgt über "okkultistische Praktiken" in einem öffentlichen Museum äußerte und auf eine Broschüre der "Arbeitgruppe Scientology" des Hamburger Senats zum Thema "Gefahren durch Satanismus und Okkultismus". Die Leiterin dieser Arbeitsgruppe, Ursula Caberta, nahm den Artikel zum Anlass für öffentliche Kritik: Es sei Aufgabe der Museumspädagogik, aufzuklären und Gefahren durch "Sekten" und okkulte Praktiken abzuwenden. Sie bemängelt vor allem, dass das Museum im Rahmen seiner Veranstaltungen auch "modernen Hexen" erlaubt, sich in Vorträgen und öffentlichen Ritualen selbst darzustellen, ohne dass die Museumsleitung diese Selbstdarstellung kritisch-hinterfragend kommentiert. Dass dort, in städtisch subventioniertem Raum, schamanistische Rituale und Tarot-Abende statt finden, findet Frau Caberta, schlichtweg "empörend".

Wie weit darf ein Museum gehen?

So lautete der erste Themenbereich der dreitägigen Vortrags- und Diskussions-Marathon dann auch: Wie weit darf ein Museum gehen? Erfahrungen, Kommentierung, Auswertung der Ausstellung "Hexenwelten"

Leider war Frau Caberta, der zufolge das Museum eindeutig zu weit gegangen war, nicht anwesend.

Pastorin Dr. Gabriele Lademann-Priemer (Beauftragte für Weltanschauungsfragen der Evang.-Luth. Landeskirche Nordelbien), wies darauf hin, dass es ihre Aufgabe sei, Geschädigten zu helfen. Damit rücken die Gefahrenaspekte neuer und ungewöhnlicher Religionen automatisch ins Zentrum, weshalb die Stellungnahmen von "Sektenbeauftragten" meistens eher Warnungen vor potentiellen Gefahren sind.

Dr. Peter Dressendörfer (Historiker, Universität Bonn), der den historischen Teil der Ausstellung während ihrer Laufzeit kritisiert hatte, sprach von den Tücken des "Zeitgeistes" in einer degenerierten Medienwelt. Jede Ausstellung dieser Art ist eine Gratwanderung. In diesem Zusammenhang stellte er die provozierende Frage, ob eine Ausstellung über christliche Sekten in ähnlicher Form denkbar gewesen wäre. Da es die Aufgabe eines Museums sei, zu Fragen anzuregen (statt fertige Antworten zu geben) ermutigte er die "Macher" der Ausstellung zum Weitermachen.

Es fiel auf, dass alle anwesenden Kritiker, was immer sie im Einzelnen zu bemängeln hatten, den Mut des Hamburger Völkerkundemuseums lobten und zum Weitermachen aufforderten.

Unverhofftes Interview

In der Kaffeepause interviewte mich ein Fernsehteam, das für den SDR an einer Sendung über neue Hexen arbeitet, zusammen mit Pastorin Dr. Gabriele Lademann-Priemer zum Verhältnis zwischen neuen Hexen und Kirche. Frau Dr. Lademann-Priemer sagte unter anderem, dass das neue Hexentum einfach eine andere Religion als das Christentum sei - und wies deulich darauf hin, dass neue Hexen, Okkultismus und Satanismus gänzlich unterschiedliche Erscheinungen seien. Fast alle neuen Hexen distanzieren sich ausdrücklich vom Satanismus. Ich betonte den naturreligiösen Aspekt der "neuen Hexenreligionen", ging kurz auf den "nicht-übernatürlichen" heidnischen Magiebegriff ein und erwähnte die Wichtigkeit der Psychohygiene bei ritueller und magischer Arbeit. Außerdem betonte ich nachdrücklich, dass Rassisten und politisch Rechte im neuen Heidentum eine kleine, wenn auch leider lautstarke, Minderheit sind. Frau Dr. Lademann-Priemer begrüßte in diesem Zusammenhang ausdrücklich die klare und unmissverständliche Abgrenzung der PF D.A.CH. des Steinkreises und des Rabenclans vom Rechtsextremismus.

"Neue Hexen" oder "Eso-Tanten"?

Die bekannte "Berufshexe" Attis alias Silke Beyn berichtete sehr aufschlussreich über ihr Leben, ihre stark therapieorientierten Arbeit und ihre Erfahrungen als eine der Hexen, die während der Ausstellung Rituale abgehalten hatten. Sie baute anlässlich des Tages (Samhain) einen kleinen Altar auf und schloss den Vortrag mit einem rituellen Text ab.

Eine Frage aus dem Publikum brachte eine charakteristische Beobachtung auf den Punkt: solange Attis über sich und ihre Arbeit sprach, redete sie fesselnd, sachlich und auf hohem sprachlichen und inhaltlichen Niveau. Dagegen fiel der spirituelle Text, den sie am Ende rezitierte, extrem stark ab: Wage und unscharfe esoterische Beliebigkeiten im Tonfall einer schlechten Predigt. Möglicherweise sei Attis an ihrem Image als nicht ernstzunehmende "Eso-Tante" zum Teil selber schuld.

Leonie Gaul, die als Heilpraktikerin und schamanische Begleiterin ebenfalls Rituale zur Ausstellung gestaltet hatte, beklagte sich, dass von den Presseleuten, die damals ihre Ritualarbeit kritisiert hatten, niemand gekommen sei. Das Thema "Hexenverfolgung" sei nach wie vor ein Tabuthema; diese alten Tabus und Klischees würden die öffentliche Diskussion bis heute prägen.

Die "Ritualfrau" und Religionswissenschaftlerin Dr. Donata Pahnke diagnostizierte auch aufgrund des überwältigenden Interesses an den von ihr gestalteten Ritualen eine "spirituelle Unterernährung".

Den ersten Tag schlossen die Leiterin des Hexenarchivs, Dr. Jeanette Kokott, und Dr. Bernd Schmelz, der Initiator der Hexenwelten-Austellung, ab, indem sie die Kritiken und Kommentare zur Ausstellung auswerteten. Dr. Schmelz stellte klar, dass ihm nicht bekannt sei, welcher angebliche Mitarbeiter des Museums sich seinerzeit besorgt an die Presse gewandt hätte. Bei der Vorbereitung der Ausstellung wäre nichts hinter verschlossenen Türen abgelaufen, alle eventuell heiklen Punkte seine mit den Mitarbeitern gründlich ausdiskutiert worden.

"Neue Hexen" sind Teil unserer Realität, leider stünde die Auseinandersetzung mit dieser Realität bei vielen von vornherein im Ruf der Unseriösität. Sehr viel Kritik von Fachkollegen hätte sich daran entzündet, dass sie "diesen Eso-Tanten" Raum für Selbstdarstellung und Reklame gegeben hätten. Also eher Kritik am "Wie" als am "Ob" des Begleitprogramms.

Gibt es Hexerei?

Am zweiten Tag stand ein völlig anderer Themenbereich im Mittelpunkt:

"Gibt es Hexerei und gibt es sie weltweit? Ist Hexerei ein europäisches und abgeschlossenes Phänomen oder ein weltweit aktuelles Thema?"

Gleich der Auftaktvortrag von Eberhard Bauer, Psychologe vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie in Freiburg, wird viele der Anwesenden überrascht haben. Die Experimente zu PSI-Phänomenen (Telepathie, Hellsehen usw.) zeigen schwache aber hochsignifikante Ergebnisse. Wie viele "normale" geistige Leistungen sind sie aber höchst instabil, sie können nicht nach Belieben Abgerufen werden. In der Parapsychologie hat sich ein Paradigmenwechsel weg vom "Signalmodell" der PSI-Phänomene hin zum Synchronizitätsmodellen, die aus der Quantenphysik und der Chaostheorie abgeleitet sind, vollzogen.

Überspitzt lässt sich sagen: die Parapsychologie nähert sich dem Begriff der "natürlichen Magie" an - und diese Magie ist durchaus experimentell nachweisbar.

Der Ethnologie Prof. Dr. Roland Mischung stellte fest, dass zwischen Praktiken des Schamanismus und denen der Hexen - selbst in den Hexereivorstellungen der Verfolgungszeit - ein enger Zusammenhang besteht.

Viele Missverständnisse erspart man sich, wenn man die auf Feldforschungen in Ostafrika beruhende ethnologische Definition von "Hexe" kennt: Hexen seien ihre Fähigkeiten angeboren und sie würden diese zum Schaden anderer nutzten, mitunter ohne Absicht, Zauberer hätten ihre Fähigkeiten erlernt und könnten sowohl "weiße" wie "schwarze" Magie bewirken. Empirisch ist diese Standarddefinition ausserhalb Ostafrikas kaum brauchbar.

Bemerkenswert ist, dass selbst ein relativ eng gefasster Schmanismusbegriff auf viele "alte" und "neue" Hexen passt.

Die Frage: "Gibt es eine Neue-Hexen-Religion" wurde von allen Referenten zu diesem Thema bejaht. Donate Pahnke ging ausführlich auf das Problem "rechter Hexen und Heiden" ein, die zahlenmäßig schwach seien, aber viel Aufmerksamkeit erregen würden. Sie legte da, das die (Ritual-) Techniken der Hexerei leicht zu erlernen seien, die notwendige Ethik aber schwierig sei. Daraus resultieren Probleme wie Machtrausch, Machtmissbrauch, Realitätsverlust. "Das Problem mit der Magie ist nicht, ob sie funktioniert, sondern das sie funktioniert".

Besonders interessant war der Vortrag des Religionshistorikers Dr. Christopher Mcintosh zum Heidentum. Heiden sind Polytheisten und naturreligiös. Da Wicca mindestens zwei Götter (Göttin und Gott) verehrt und eindeutig naturreligiös ist, ist Wicca eine moderne heidnische Religion. Die Gründe für den raschen Aufstieg von Wicca und anderen neuen Hexen liegen vor allem in der Frauenbewegung und dem gestiegenen Umweltbewusstsein.

Das neue Heidentum ist ausdrücklich kein Teil der New-Age Bewegung, es entstand viel früher und hat eine andere Ausrichtung, profitierte aber von ihr.

Politisch Rechte hätten eine Affinität zu Neuheiden, die vorwiegend auf oberflächlichen (vermeintlichen) Gemeinsamkeiten beruht.

Die Religionswissenschaftlerin Dr. Julia Iwersen hob hingegen hervor, dass den modernen "Hexenreligionen" ein esoterisches Weltbild gemein sei. Das Hexenbild setzt sich aus heidnischer Religion und Inquistions-Klischees zusammen.

Hexen weltweit

Am Nachmittag berichteten ethnologische Feldforscher ihre Erfahrungen mit Hexen und Magie aus Afrika, Lateinamerika und Asien.

In Europa wird leider wenig über die zeitgenössischen Hexenverfolgungen in verschiedenen Regionen Afrikas berichtet. Dr. Michael Schönhuth von der Uni Trier beschreibt die moderne Hexenjagt als Modernisierungsphänomen und zog Parallelen zur frühen Neuzeit in Europa. Bemerkenswert war seine Darstellung der radikal fundamentalistischen evangelikalen Kirchen samt ihren Dämonenglauben als "Globalisierungsgewinner": sie profitieren von Geld, Technik und propagandistischem Know-How der amerikanischen "religiösen Rechten".

Prof. Dr. Godula Kosack hat bei den Mafa in Kamerun geforscht. Die intensive Beschäftigung mit den magischen Praktiken veranlasste sie zu einem Paradigmenwechsel, weg vom "abendländischen" Berichte über magisches Geschehen nach "glaubwürdig / unglaubwürdig" zu ordnen, hin einem Konzept der unterschiedlichen Realitätsebenen.

Stärker auf die politischen Aspekte der modernen Hexenjagd in Südafrika, die tausende Opfer forderte, ging Dr. Dirk Kohnert ein: Hexerei kann emanzipatorisch wirken, aber auch ausbeuterisch sein. Die Hexe wird überwiegend negativ gesehen, als Störenfried oder als Ausbeuter. Eine große Rolle dabei spielen enttäuschte Erwartungen nach dem Ende des "Apartheit"-Regimes, der Rückzug ins lokale Umfeld und Bandenkriege.

Der Mediziner Dr. Konrad Rippmann berichte über erfolgreiche Versuche im westafrikanischen Benin, die Heilkunde des Voodoo in ein modernes Gesundheitssystem einzubinden: Die therapeutischen Fähigkeiten der Voodoo-Heiler gehen weit über ihr beachtliches Kräuterwissen hinaus.

Extrem temperamentvoll geriet der Vortrag des Missionswissenschaftlers Dr. Richard Nebel über "Hexen in Mexiko". Im mexikanischen Hexenbild mischen sich alte indianische Magievorstellungen mit importiertem spanischem Hexenglauben. Man dürfe nie übersehen, dass Mexikos zur Zeit der intensivsten europäischen Hexenverfolgung erobert wurde. Dr. Nebel stellte fest, dass die Berichte aus dem frühen 16. Jahrhundert über hunderttausendfache Menschenopfer bei den Azteken niemals quellenkritisch untersucht wurden - das heißt, die heutige Geschichtsschreibung übernimmt unkritisch die Darstellung der Eroberer.

Dr. Bernd Schmelz berichte über seine vielfältigen persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Hexenrei in Guatemala, während Prof. Dr. Roland Mischungs "Erfahrungen mit Hexen und Hexerei in Südostasien" eher bescheiden sind. Interessant allerdings: Europäische Hexenvorstellungen färben auf die scheinbar traditionelle Folklore Südostasiens ab.

Unterschiedlich konzipierte Hexenausstellungen

Am dritten und letzten Tag des Symposiums standen konkrete Erfahrungen mit Hexenausstellungen auf dem Programm.

Während der Diavortrag über die Ausstellung "Incubi - Succubi" des Musée d´Histoire Luxembourg eher unspannend ablief, gab es überraschenderweise während des Vortrags des Museumspädagogen Stefan Bresky über die Ausstellung "Hexenwahn" am Deutschen Historischen Museum Berlin einige Kontroversen. Überraschend, weil die Berliner Ausstellung auf der nur geringfügig veränderten Luxemburger Ausstellung beruhte. Möglicherweise weil Boris Fuge von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Luxemburger Museums erkennbar fachlich nicht ganz sattelfest erschien, verlagerte sich die Kritik nach Berlin. An den Ausstellungen wurde bemängelt, dass sie zu wenig auf die Ursachen der Hexenverfolgung eingingen. Stefan Bresky berichtete, dass er bei den Berliner Ausstellungsbesuchern immer wieder auf drei Irrtümer gestoßen wäre: 1. es hätte Millionen von Opfern des Hexenjagd gegeben, 2. die Hexenjagd hätte im Mittelalter stattgefunden und sei von der Inquisition betrieben worden, und 3. die Opfer waren Heilerinnen und Hebammen. Der Darlegung des Historikers Breskys, es hätte keine Hebammen-Verfolgungen gegeben und die Vorstellung von "Heiler-Hexen" sei ein moderner Mythos, widersprach der Ethnologe Dr. Thomas Hausschild entschieden.

Die feministische Historikerin Birke Grießhammer berichte über die Wanderausstellung "Drutenjagd in Franken 16.18. Jahrhundert". Eine Tafelausstellung mit relativ wenigen Originalexponaten, die den Schwerpunkt auf regionale Ursachen der in Franken besonders grausamen Verfolgung legte, vor allem auf: die starke Territoriale und religiöse Zersplitterung Frankens nach der Reformationszeit. Eine weitere Ursache läge darin, dass in der Neuzeit der Freiraum für Frauen. Selbstständig zu arbeiten und zu handeln, immer weiter eingeschränkt wurde.

Einen drastischen Bruch mit der üblichen "Heimatmuseums-Kultur" vollzog in der angeblich "tiefsten Provinz", nämlich an der ländlichen Akademie Krummhörn (bei Emden in Ostfriesland) das von Prof. Hans-Jürgen Tobel vorgestellte Projekt über die "Hexenverfolgung im ländlichen Raum Ostfrieslands". Laien und Fachleute arbeiteten eng zusammen. Spektakulärer Höhepunkt war ein eigens geschriebes Musical zum Thema, an dem sich sowohl die örtlichen Laienspielgruppen wie die örtlichen Musiker lebhaft beteiligten. Für den ländlichen Raum erzielte diese sich eng an die historischen Fakten haltende Inszenierung eines Hexenprozesses aus Ostfriesland ein erstaunliches Publikumsinteresse, von dem auch die parallele Ausstellung zum Thema auf der Burg Pesum (Schauplatz mehrerer Hexenprozesse) und das von der Projektgruppe erarbeitete Buch profitierten.

Der Bruch mit der üblichen Ausstellungskultur war auch Thema des Vortrags von Prof. Dr. Thomas Hausschild, der 1979 gegen erhebliche interne Widerstände die erste "Hexen" Ausstellung des Hamburger Völkerkundemuseums mitorganisierte. Er war es auch, der das "Hexenarchiv" des Volkskundler und "Hexenanwalts" Johannes Kruse für das Museum gewann - Kruse war bereits dabei, seine Unterlagen zu verbrennen. Er musste Kruse versprechen, dessen aufklärerischen, rationalen Ansatz fortzuführen - was auch gelang, allerdings mit einem geänderten Paradigma, dem "erweiterten Rationalitätsprinzip". Dieses Prinzip ergib sich aus der ethnologischen Feldforschung: ein Schamane z. B. handelt und denkt im Rahmen seines magischen Weltbildes völlig logisch und rational. Nur für den in einer anderen Vorstellungswelt lebenden "Europäer" erlebt er Wahnvorstellungen.

Auch wenn dieses Paradigma "kulturrelativistisch" wirkt, trat Hausschild entschieden dem "postmodernen", aus den USA stammenden Ansatz entgegen, ein Museum nur als Medium zu sehen, das es verschieden Gruppe erlaubt, ihre (subjektive) Sicht der Dinge darstellen, in das sich kein "Außenstehender" einzumischen hätte. Es gäbe sehr wohl nicht zu ignorierende Fakten und nicht nur beliebige Meinungen.

Hauschild fasste seine Erfahrungen mit dem Thema Hexen so zusammen: "Es kommt immer das Gegenteil von dem ins Spiel, was man beabsichtigt" und "Dauernd widerspricht einem einer".

Resüme

Professor Dr. Köpke und Dr. Schmelz zogen das Resümee des Symposiums: Insgesamt fühlen sie sich dazu ermutigt, die mit der "Hexenwelten"-Ausstellung eingeschlagene Richtung mit einigen Korrekturen weiter zu verfolgen. Grundsätzliche Kritik an der Ausstellung wäre fast nur von Historikern gekommen, wobei Dr. Schmelz zwischen "Historikern, die mit uns reden, und solchen, die es nicht tun" unterschied. Die Ablehnung ging bei einigen so weit, dass nicht mehr mit sondern nur noch über die Ausstellungsmacher geredet wurde und die Kritikpunkte nur "hintenrum" zu erfahren waren.

Auf zahlreiche Anregungen von Museumsbesuchern hin wird es künftig eine Dauerausstellung des Hexenarchivs geben. Außerdem ist eine Ausstellung zum Thema "Magie" geplant, in die die Erfahrungen aus der "Hexenwelten"-Austellung und aus dem Symposium einfließen werden.

Es wurde am Rande des Symposiums ein deutlicher Bruch zwischen weiten Teilen der historisch orientierten Hexenforschung (bzw. der "etablierten Lehrmeinung" in ihr) und der ethnologisch orientierten Hexenforschung sichtbar; kaum in den "Fakten", seht wohl in den "Interpretationen". Der "erweiterte Realitätsbegriff" vieler Ethnologen ist für viele Historiker einfach "Ethnologenwahn". Es selbst Fachhistorikern an ethnologischem Grundwissen. Umgekehrt tun sich viele Ethnologen mit dem positivistischen Ansatz des Geschichtswissenschaft schwer: Was nicht aus eindeutig den Quellen hervorgeht, ist für die historischen Forschung "reine Spekulation". Ein Ethnologe, vor allem einer "im Feld", käme damit nicht weit.

Möglicherweise steht der etablierten historischen Wissenschaft ein ähnlicher Paradigmenwechsel zu einem "erweiterten Rationalitätsbegriff" wie in der Ethnologie bzw. zum "erweiterten Realitätsbegriff" wie in der Quantenphysik, noch bevor.

Martin Marheinecke

Fotos: Hamburger Museum für Völkerkunde

 Hamburger Museum für Völkerkunde 
 Rothenbaumchausee 64 
 D-20148 Hamburg 

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